Wie groß ist die Gefahr von technologischer Arbeitslosigkeit durch die Digitalisierung?

Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), im Gespräch


Hamburg – Von den Berufen, die es vor 100 Jahren gab, gibt es heute auch einige nicht mehr. Trotzdem ist uns die Arbeit nicht ausgegangen. Durch Digitalisierung werden sich zweifellos viele Tätigkeiten und Berufsbilder verändern, alte Jobs wegfallen, aber auch neue entstehen. Langfristig hat technischer Fortschritt immer zu höherem Wohlstand und besseren Arbeitsbedingungen geführt. Aber zwei Aspekte sind doch immens wichtig: Historisch haben technologische Umbrüche oft zu einer Prekarisierung der Arbeit geführt. Außerdem wird sich der Strukturwandel dieses Mal so schnell und breit vollziehen wie vielleicht noch nie zuvor. Und es werden nicht nur manuelle, sondern auch kognitive Tätigkeiten automatisiert werden.

Wie müssen sich Bildung und Ausbildung darauf einstellen?
Die Ausbildungssysteme müssen schneller reagieren und besser vorbereiten. Früher hatten wir eine Generation Zeit, um aus einem Pferdekutscher einen Lokomotivführer zu machen. Heute haben wir vielleicht fünf Jahre. Aber es muss sich auch das Bildungsparadigma ändern. Durch künstliche Intelligenz werden Wissen und Erfahrung replizierbar. Das ist ein gewaltiger Wohlfahrtsgewinn, denn jeder Mensch auf der Welt kann somit den besten Arzt der Welt, der kein Mensch, sondern ein Algorithmus ist, konsultieren. Es bedeutet aber auch, dass wir nicht mehr mit KI konkurrieren können. Das Tätigkeitsprofil für Menschen wird sich daher stärker in Richtung kreatives, soziales und vernetztes Denken verschieben.

Häufig werden in der aktuellen Diskussion die Begriffe Agilität und Kollaboration genannt. Was hat es damit auf sich?
Die Prinzipien der Industrialisierung sind Arbeitsteilung und Spezialisierung. Entsprechend haben wir unsere Ausbildung und unser Erwerbsleben darauf ausgerichtet: Wir machen 50 Jahre hoch spezialisiert mehr oder weniger dasselbe. Überall in der Wirtschaft haben wir vertikale Strukturen: Branchen und Berufe sind vertikal organisiert. Nun erleben wir eine Art Diagonalisierung: Branchen brechen auf und wachsen zusammen. Wir müssen lernen, interdisziplinär und kollaborativ zu arbeiten, Wissen miteinander zu teilen. Zudem laufen Veränderungsprozesse so schnell ab, dass wir agil sein müssen, um flexibel auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren zu können. Die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie genau dieses nicht konnten.

Wie können wir den Arbeitsmarkt auf die hohe Veränderungsgeschwindigkeit vorbereiten?
Auf den Arbeitsmarkt kommen große Herausforderungen zu. Arbeitsmarktpolitik allein wird aber nicht reichen. Wir brauchen neue Instrumente in der Bildungs- und in der Sozialpolitik. Das oft diskutierte bedingungslose Grundeinkommen wird allein keine Lösung sein. Flankierend sind öffentliche und betriebliche Angebote für lebenslanges Lernen wichtig. Wir bilden heute junge Menschen für Berufe aus, die es am Ende ihrer Ausbildung so vermutlich nicht mehr geben wird. Denen kann man nicht sagen: Nimm dein Grundeinkommen und sei ruhig.
 
Überall wird von New Work oder Arbeit 4.0 gesprochen. Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?
Wir haben die Chance, Arbeit neu zu verstehen, sie weniger langweilig, weniger gefährlich und stärker sinnstiftend zu gestalten. Dennoch wird gesellschaftliche Teilhabe vermutlich auch in Zukunft stark über das Erwerbsleben definiert werden. Zu arbeiten bedeutet ja auch, täglich eine sinnvolle Aufgabe zu haben und nützlich zu sein. Aber nicht jeder kann als digitaler Nomade oder hipper Gründer leben.
Wir werden Antworten für alle finden müssen. Insofern werden sich viele Utopien, aber auch Ängste relativieren.


Henning Vöpel ist seit 2014 Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Im Jahr 2010 wurde er als Professor für Volkswirtschaftslehre an die HSBA Hamburg School of Business Administration berufen. Seine Forschungs- und Themenschwerpunkte sind Konjunkturanalyse, Geld- und Währungspolitik, Globalisierung und
Digitalökonomie. Vöpel nahm mehrmals an der sogenannten „Gemeinschaftsdiagnose“ der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im Auftrag der deutschen Bundesregierung teil. Im Jahr 2009 verbrachte er auf Einladung des US Department of State im Rahmen des International Leadership Program einen Forschungsaufenthalt u.a. in Washington, D.C., San Francisco und Boston.
 
Henning Vöpel gehört zu den renommiertesten Experten im Bereich der Digitalisierung. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert er regelmäßig in dem Podcast „Stunde 0 – digitale Zeitenwende“. Für ihn ist Ökonomie, also der Umgang mit Knappheit und Verteilung, immer auch Teil der Kultur einer Gesellschaft. Dies bedeutet, technologische und ökonomische Veränderungsprozesse ganzheitlich zu verstehen und immer unter
einem gesellschaftlichen Blickwinkel zu sehen. Digitalisierung, so Vöpel, stellt nicht weniger als eine Neuordnung der Wirtschaft gar, und erfordert einen Umbau der Gesellschaft.

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